Der beste schlechte Tag: Mein Einauge von Mainz
Wie ich in Mainz über zwei völlig unterschiedliche Wandfiguren gestolpert bin – ein müdes Einauge und eine übermotivierte Helau-Kugel.
Der beste schlechte Tag: Mein Einauge von Mainz
Es gibt zwei Arten von Stadtspaziergängen:
- Die produktiven – mit To-do-Liste, Termindruck und Google Maps in der Hand.
- Und die andere Sorte – man schlendert einfach los, das Gehirn im Energiesparmodus, und hofft heimlich, dass irgendwas Interessantes passiert.
An diesem Tag war ich eindeutig in Kategorie 2 unterwegs. Erst stolperte ich über diese fröhliche Helau-Kugel mit Brezel, Narrenkappe und Konfettiregen. Mainz in einer Zeichnung: gut gelaunt, leicht überdreht und irgendwie immer in Fastnachts-Stimmung.
Ein paar Schritte weiter dann der Kontrastprogramm-Moment.
Erste Begegnung mit dem Einauge: „Same, Bro. Same.“
Ich bog um die Ecke – und plötzlich stand er da:
Ein blauer, leicht angeschmolzener Einauge-Charakter an der Wand. Ovaler Körper, ein Arm in die Luft, Zunge draußen, Beine wie aus einem Sonntagmorgen-Cartoon. Oben drauf irgendwas zwischen Antenne, Ventil und explodierter Idee.
Ich schwöre: Wenn „Montag“ ein Maskottchen hätte – es wäre genau dieses Ding.
Ich blieb stehen, hab das Motiv kurz angestarrt – und das Motiv starrte mit seinem einen Auge zurück.
Dieser Gesichtsausdruck!
Das ist der Blick von:
- „Zu wenig Kaffee.“
- „Zu viele E-Mails.“
- „Schon wieder ‘kannst du mal kurz’ im Posteingang.“
- „Ich wollte nur ein bisschen spazieren gehen, warum ist das Leben so anstrengend?“
Die Zunge hängt so halb aus dem Mund, als hätte jemand versucht, motiviert zu sein – und nach fünf Minuten aufgegeben.
Und trotzdem streckt die Figur die Hand aus, so nach dem Motto:
„Okay, die Welt ist anstrengend – aber High Five kriegen wir noch hin.“
Ich mag diese Einstellung.
Wer bist du, kleines Wandwesen?
Natürlich könnte man jetzt eine wissenschaftliche Analyse draus machen:
- Der Körper: eine Art Ei oder Bombe? Vielleicht das Symbol für die eigenen Gedanken, kurz vorm Platzen.
- Die Antenne oben drauf: Empfang für schlechten WLAN-Empfang oder nur die Visualisierung von „zu viele Push-Nachrichten“?
- Die Schuhe: ganz klar der Beweis, dass selbst Graffiti-Monster rausgehen müssen, um ihren Kopf freizukriegen.
Oder – viel wahrscheinlicher – jemand hatte einfach eine Dose blauen Sprühlack, gute Laune oder schlechten Tag (oder beides) und hat das spontan an die Wand gesetzt.
Und genau das liebe ich daran:
Es sieht nicht nach Marketing, Agentur oder „Urban Art Festival“ aus.
Mehr so: „War halt hier, hatte ’ne Idee, jetzt bist du da, kleiner Einauge.“
Mainz zwischen Helau und „Lass mich in Ruhe“
Spannend fand ich vor allem den Kontrast:
Auf der einen Wandseite die übermotivierte Helau-Kugel –
auf der anderen dieses müde Einauge, das innerlich längst im Feierabend ist.
Mainz wird ja gerne reduziert auf:
- Dom
- Fastnacht
- Baustellen
Aber zwischen Bruchstein, Altbaufassaden und „Hier entsteht bald etwas Großes“-Schildern tauchen ab und zu solche kleinen Kunstwerke auf, die niemand angekündigt, genehmigt oder erklärt hat.
Diese beiden Figuren sind genau so ein Duo.
Keine Signatur, kein Insta-Handle, keine „Kunst im öffentlichen Raum“-Plakette.
Nur: Zack, hier sind wir. Deal with it.
Und genau diese ungeplanten Momente machen eine Stadt lebendig.
Da, wo die Wand eigentlich einfach nur Wand sein wollte, hängen jetzt zwei Charaktere, die dir ein bisschen deine eigene Stimmung zurückspiegeln:
zwischen „HELAAAU!“ und „nee, heute nicht“.
Wenn du dich auch manchmal wie das Einauge fühlst …
Mal ehrlich:
Wie oft stehen wir morgens auf und fühlen uns exakt so:
- Kopf noch im Ladebildschirm
- Körper durchaus vorhanden, aber nicht ganz synchronisiert
- Zunge schon draußen, bevor der erste Kaffee fertig ist
Vielleicht ist das der Grund, warum mich dieses Motiv so abgeholt hat.
Es tut so, als wäre es ein bisschen überfordert vom Leben – aber es steht trotzdem da. Mit Schuhen an. Bereit, loszulaufen. Oder wenigstens so zu tun.
Ich finde, das ist eine ziemlich sympathische Life-Strategy:
Nicht perfekt aussehen.
Nicht alles im Griff haben.
Aber irgendwie trotzdem da sein.
Streetart als heimliche Spiegeltherapie
Hätte ich diese Bilder nur als Emojis gesehen, würden sie wahrscheinlich direkt in meinen Standard-Reaktionen landen:
- Helau-Kugel für: „Läuft! Stimmung oben!“
- Einauge mit Zunge für: „Frag lieber nicht.“
Aber so hängen sie an echten Wänden in Mainz und machen etwas anderes:
Sie überraschen dich im echten Leben. Ohne Bildschirm, ohne Filter, ohne Like-Button.
Nur Beton, Sprühfarbe und du.
Vielleicht brauchen wir genau das öfter: kleine, unerwartete Spiegel im Alltag, die uns sagen:
„Ja, du bist heute komplett durch den Wind.
Nein, du bist damit nicht allein.“
Danke, unbekannter Sprayerin
Falls du das hier zufällig liest (und dich in diesen Figuren wiedererkennst):
Danke.
Danke, dass du mit ein bisschen Farbe zwei ziemlich ehrliche Stimmungsanzeigen an die Wand gesetzt hast:
Einmal Karnevalsmodus, einmal „ich funktioniere gerade so“.
Und danke, dass ich jetzt zwei offizielle Maskottchen für meine Tage in Mainz habe –
je nachdem, ob ich eher bei Helau! oder eher bei Hilf mir. unterwegs bin.
Fazit: Mehr Wandcharaktere für die Welt
Ich bin an dem Tag jedenfalls deutlich besser gelaunt weitergelaufen als davor.
Nicht, weil plötzlich alles super wäre – sondern weil mich diese Bilder kurz rausgezogen haben aus dem „Mails, Rechnungen, Termine“-Karussell.
Vielleicht ist das die wahre Superkraft von Streetart:
Nicht alles erklären.
Nicht alles lösen.
Aber dafür


